Woran glaubt Berlin?

Diese kurze Frage kann nicht schnell beantwortet werden.  Berlin ist eine so bunte und schillernde Stadt, da reicht eine konkrete Antwort nicht aus. Jedoch bin ich froh darüber, dass nicht mehr nur die großen Religionen zu Wort kommen, sondern immer öfters auch pagane Wege befragt werden.

Auch ich werde immer wieder von Journalisten angeschrieben und teile gerne meine Sicht der Dinge und meinen Glauben mit anderen Menschen. Letzte Woche wurde für die Sendung Abendshow ein kleiner Trailer gedreht und ich war mit dabei:
Trailer „Woran glaubt Berlin?“

Was bedeutet „pagan“?

Ich bin immer wieder überrascht, dass dieses Wort so unbekannt ist. Aber ich stecke auch so tief in dem Thema, da ist eine ‚Betriebsblindheit‘ ganz normal. Vor einigen Wochen war ich bei der Jahreskonferenz des Berliner Forums der Religionen und wurde auch dort mit der Tatsache konfrontiert, dass die Worte Atheismus und Heidentum sogar von ‚Profis’* gleichgesetzt wurden.
Deswegen will ich das gerne erklären.

„Pagan“ ist ein Begriff, der schon länger benutzt wird. Es bedeutet nicht, dass man ein Atheist ist, sondern eher ein Heide. Und nein, das ist nicht das Gleiche. Heiden und Pagane glauben an etwas: an viele Götter, an die Natur, an Energie, an das Leben, an alte Gottheiten usw.

Ein Atheist glaubt an nichts – vielleicht an die Wissenschaft, an das, was seine eigenen Augen sehen, seine Wahrnehmung als glaubhaft begreift.

Das Wort „Heide“ wurde schon von Christen im Frühmittelalter benutzt und bezeichnete Menschen, die außerhalb der chistlichen Gesellschaft in kleinen Dörfern und Gemeinschaften lebten und dem alten Glauben anhängten. Im Grunde meinten sie damit alle Nichtchristen. Somit sind auch viele wichtige Charaktere aus dem Alten Testament und große Philosophen Heiden, da sie vor Jesus gelebt haben und es somit „nicht besser wussten“. In der Göttlichen Komödie von Dante schmoren sie deswegen in der Vorhölle.

„Pagan“ bezeichnen sich heute Menschen, die sich von den großen Religionen abgrenzen wollen, die freier sein wollen in ihrem Glauben, die keiner Kirche angehören wollen. Dazu gehören die größeren Gruppierungen wie Wicca, Asatru, Schamanen und Druiden, aber auch verschiedene okkultistische Bewegungen, wie Orden, Magier usw. Alle diese Gruppen bestehen aus vielen vielen hunderten kleineren Gruppen, die sich alle selbst organisieren oder einzeln für sich bleiben wollen.

Ich denke es ist wichtig zu verstehen, dass ein Heide oder ein Paganer nicht wie ein anderer Heide oder Paganer ist. Es soll einfach eine Richtung anzeigen werden und nach außen von den Weltreligionen abgrenzen. Aber es wird auch innerhalb der Bewegung die eigene Individualität unterstützt, denn das ist die eigentliche Stärke und, denke ich, auch der Grund, warum Naturreligionen und -spiritualität momentan so einen hohen Zulauf haben.

Es ist aber auch, wie in dem Video gesagt wurde, möglich, einfach spirituell zu leben und eine Nähe zum Paganismus zu suchen. Eine Religiösität ist dabei nicht zwingend erforderlich. Spiritualität leben bedeutet nicht heidnisch oder pagan zu sein. Aber da es viele Parallelen gibt, ist die Nähe zu verschiedenen Gruppen manchmal sinnvoll oder auch bereichernd. Leben und leben lassen. Alles kann, nichts muss.

Hier in Berlin versuchen einige pagane Gruppen in einem Projekt „Pagane Wege und Gemeinschaften“ die verschiedenen Glaubensrichtungen begreifbar zu machen. Sie organisieren z.B. auch gemeinsam ein Event bei der Langen Nacht der Religionen in Berlin, die ich dieses Jahr besuchte.


Viele Informationen findet ihr zu dem Thema bei
Paganes Leben Berlin
Pagan Federation International – Deutschland e.V.


*Mit Profis meine ich hier Menschen, die seit Jahren im interrelogiösen Diskurs stehen.

7 Kommentare zu „Woran glaubt Berlin?

  1. Ich weiß, dass es hier in Karlsruhe auch viele (oder zumindest einige) Neuheiden gibt. Aber ich habe irgendwann vor ein paar Jahren den Anschluss verpasst, weil es sehr wicca-zentriert war und ich mich davon entfernt habe. Wir haben aber auch viele Rosenkreuzer (zählen die eigentlich auch zum Paganismus?) und Freimaurer.

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    1. Hmm gute Frage. Sind das denn Religionen oder spirituelle Pfade? Ich müsste mich jetzt auch informieren. Am besten ist einfach immer direkt nachfragen. Ich glaube aber diese sind eher gemeinnützig/politisch organisiert.
      Und zum ‚Anschluss verpasst‘ kann ich dir nur raten, dass du noch einmal in deiner Umgebung schaust, ob es vielleicht offene Stammtische gibt. Die Anfrage ist in den letzten Monaten so groß geworden, dass es sicherlich andere Gruppierungen gibt. Ich habe wirklich die Erfahrung gemacht, dass viele sehr aufgeschlossen sind und kommunikationsfreudig. 🙂

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      1. LOL Ich war früher bei Stammtischen. Ich will meinen Anschluss auch gar nicht wieder haben, mir ging es mehr darum zu sagen, dass es hier auch eine „Szene“ gibt, ich aber nichts weiter erzählen kann, da ich nicht drin bin 🙂 Ich hatte irgendwie eher den Eindruck, dass der große Spirit-Boom eher rum ist… vielleicht ist das in Berlin anders. Ich weiß, dass mein früherer Stammtisch z.B. nicht mehr existiert.

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      2. Wo genau ist denn ‚hier‘? 😂 Und niemand ist gezwungen Abschluss zu finden. Hatte sich für mich nur so gelesen. Hier haben sich viele neue Gruppen gebildet mit ganz eigenen Routinen. Es ist aber der voll an den Tischen geworden!

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      3. „Hier“ ist das bereits erwähnte Karlsruhe 🙂 Ich habe gerade noch mal gegoogelt und bei FB geschaut, die letzten Einträge die man zu Heidenstammtischen findet, sind von 2013, ganz schön lange her. In Stuttgart ist viel mehr los. Ich glaube, das kommt wirklich sehr auf die Stadt an.

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      4. Sorry, es war wirklich erwähnt, in der App ist es etwas unübersichtlich 😅 ganz klar ist es unterschiedlich von Region zu Region. Mir ist klar, dass Berlin eine Ausnahme zu sein scheint. Umso wichtiger ist es die gute Zusammenarbeit nach außen zu tragen.

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