Barrierefreie Liebe? Falsch gedacht!

Das Thema, das ich euch heute etwas ans Herz legen möchte, ist nicht einfach und wird vielleicht nicht alle interessieren oder ansprechen. Aber ich denke, es ist sehr wichtig darüber zu sprechen, das zu wissen, uns zu sensibilisieren, damit hoffentlich etwas passiert. Denn das, was ich aus eigener Erfahrung kenne und was ich gesehen habe, beschäftigt mich bis jetzt. Es macht mich traurig und wütend. Die Sexualbegleitung bei der Menschen mit einer geistigen und/ oder körperlichen Behinderung.

Menschen mit einer geistigen und körperlichen Behinderung habe ich zum ersten Mal im Jahr 2001 kennengelernt, als freiwilige Mitarbeiterin in der Diakonie in Russland. 15 Jahre später habe ich in Deutschland den bundesfreiwiligen Dienst mit älteren Menschen mit Behinderungen gemacht. Ich habe natürlich mich, sie und meine Kollegen über die Liebe, Freunde, Kinder gefragt. Manche Antworten habe ich nie bekommen, manche haben mich nachdenklich gemacht, über vieles wurde geschwiegen und über vieles habe ich absolut nicht nachgedacht. Sexualität? Liebe? Lust?

Die Menschen sind sexuelle Wesen. Wir alle wollen lieben und geliebt werden. Wir alle möchten von geliebten Menschen umarmt, berührt, geküsst werden. Es ist nicht immer einfach, den besonderen Menschen zu finden. Es kann Monate, Jahren, gar das ganze Leben dauern. Aber wir haben Freunde, aus Freunden werden besten Freunde, erster Kuss, erste Nacht, Beziehung, Liebe. Unsere Herzen werden gebrochen und werden wieder heilen, wie wir es aus einem Lied kennen.

Umarmungen, Küsse, Nähe, Anblick auf einen nackten Körper, Sex, Liebe, Kinder, Enkel. Klingt bekannt und irgendwie ganz natürlich und einfach.

Doch wie ist es, wenn man eine körperliche oder eine geistige Behinderung hat? Freunde, Kuss, Nacht, Beziehung, Liebe, Freude, Eierkuchen?

Hat jemand überhaupt darüber nachgedacht oder sind die Menschen mit Handicap „anders“, „asexuell“, „brauchen/kennen/können sowas nicht?“ Klingt so, als ob sie die UFOs ohne Geschlechtsorgane wären (sorry, die „Akten X“ Fans!). Ich persönlich hätte nie darüber nachgedacht, wäre das nicht ein Teil meiner Arbeit gewesen.

Ich habe neulich auf eine Reportage „Sex für Menschen mit Behinderungen“

Die Berührerin

auf YouTube gestoßen, aus dem Jahre 2018. Ich muss sagen, es gibt nicht allzu viel Videos darüber. Dort erfuhr ich über die Sexualbegleitung. Ich war über 3 Fakten empört:

  1. Die Kosten für die Dienste der Sexualbegleiter*innen (nein, es ist keine Therapie und nein, sie schlafen nicht mit Klienten) werden nicht von der Krankenkassen übernommen.
  2. Die Sexualbegleiter*innen haben eine Anmeldebescheinigungen nach dem Prostituiertenschutzgesetz. Ja, sexuelle Dienste gegen Geld.
  3. Die Menschen (wie du und ich, sowie das Personal der Behinderteneinrichtungen) wissen nichts, tun nichts und/oder interessieren sich einfach nicht dafür.

Als ob die Menschen mit Handicap keine Genitale, keine Gefühle, keine Sexualität, keine Lust haben!

Aus dem Video „Was ist Sexualbegleitung? Vimala und Tobias klären auf“

Vimala und trotz-allem-lust.de

habe ich erfahren, dass die Menschen mit Beeinträchtigungen einen unglaublich langen Umweg ALLEINE machen müssen, um SICH SELBST irgendwie zu helfen, ihren Sexualität ausleben zu können. Und wie wir, die Menschen aus deren Umfeld, sie in diesen Fragen noch mehr hindern (das, habe ich gelernt, nennt man eine „sekundäre Behinderung“).

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass in vielen Einrichtungen/ WGs/aus dem betreuten Wohnen, darüber von Personal nachgedacht (!) wird, manchmal sogar darüber gesprochen, und am Ende – was für eine Überraschung- nichts gemacht.

Die Frauen im Gebäralter werden mit Anti-Baby-Pillen vollgepumpt, bei jungen Männer wird das absolut ignoriert, bei vielen Frauen werden die Inkontinenzhöschen für eine Nacht in der Woche weggelassen (wow, was für eine Freiheit für die Finger!), manche wurden in den 60-70er Jahren zwangssterilisiert, und wer einen Freund oder eine Freundin hat, muss erst fragen, ob er oder sie noch 5 Minütchen länger bleiben kann.

Ich hoffe, dass es nur meine allerschlechteste Erfahrung war und nicht in jeder Einrichtung sowas praktiziert wird.

Aber wie kann man denn sich ausdrücken, ob man die Lust auf eine Nähe hat, wenn man nicht sprechen kann? sich nicht bewegen kann? Glaubt mir, man sieht es. Die Betreuer*innen oder Angehörigen kennen ihre Leute gut, sie signalisieren eindeutig, was sie wollen oder nicht, ob sie angespannt sind oder relaxed. Man kann es an uns alle sehen, ob wir uns wohlfüllen oder nicht.

So viel zur Inklusion. So viel zum Thema „Teilhabe am Leben“. Pubertät, Nähe, Ejakulation, Vibrator gehen uns ALLE irgendwann mal an. Sexualbegleitung von Menschen mit Behinderungen muss ein Thema sein und nicht etwas, dass man, laut Tobias aus dem Video, nur 1 Mal im Jahr sich leisten könnte. FALLS man das irgendwie rein zufällig überhaupt erst findet.

#saveagirl: null Toleranz gegenüber weiblicher Genitalverstümmelung

Als ich zum ersten Mal den Film „Vulva 3.0“ gesehen habe, der im Auftrag von Frauen*-Referat des AstA der TU Berlin gezeigt wurde, habe ich angefangen, über die verschiedenen Problemen, den Alltag, die Traditionen und das tragische Dasein der Frauen nachzudenken.

Das tragische Frausein.

Diese Gedanke verfolgt mich seit ich 6 bin. Damals hatte ich schon Angst, ein Kind zu bekommen. Ich hatte Angst vor Schmerzen. Ich höre immer noch, wie meine Mutter mir sagt: „Das ist das Kreuz, das die Frauen tragen müssen. Das ist unser Schicksal, zu leiden. Das ist unsere Bestimmung, Schmerzen zu haben“. Weil wir Frauen sind. „Sie sind doch eine Frau, sie werden die Schmerzen schon ertragen“, sagt eine Protagonistin in einem sowjetischen Film.

Sind wir dazu verdammt, mit dem Schmerzen zu leben?

Im Film „Vulva 3.0“ erzählt eine Frau von der Genitalverstümmelung der Frauen, genauer gesagt, der Mädchen. Als ich vor vielen Jahren von einer Beschneidung (auch von Männer) gehört habe, konnte ich das nicht glauben! Was gibt es da bei den Frauen zu beschneiden?? Und jetzt erfahre ich, dass es sogar vier Formen der weiblichen Genitalverstümmelung gibt! Das hat mich nachdenklich und sehr traurig gemacht.

In Afrika verstümmeln Frauen die Frauen.

Frauen kontrollieren Frauen.

Frauen sterben.

Das macht mich wütend und traurig. Ich hatte die Bedürfnis zu helfen und habe die Organisation „Terre des Femmes e.V“ https://www.frauenrechte.de/index.php aufgesucht und gespendet. Ich weiß nicht, ob es auf irgendeiner Weise hilft, Mädchen vor einer Tradition -von der ich keine Ahnung habe-zu schützen. Doch mir war es wichtig.

Heute, am Internationalen Tag „Null Toleranz gegenüber weiblicher Genitalverstümmelung“, habe ich eine E-Mail von der „Terre des Femmes“ bekommen. Die Bundesgeschäftsführerin Christa Stolle erzählt von der „Terre des Femmes“-Partnerorganisation AIM (Amazonian Initiative Movement), die gegen weibliche Genitalverstümmelung in Westafrika, in Sierra Leone, kämpft.

Frau Stolle schreibt: „…Dabei sind 90 Prozent aller Mädchen und Frauen dort betroffen. Kein Gesetz schützt sie davor. Die meisten leiden ihr ganzes Leben lang an den körperlichen und psychischen Folgen. Denn diese schwere Menschenrechtsverletzung ist irreversibel. 25 Prozent sterben sogar daran. Kurz nach dem Eingriff werden Mädchen in Sierra Leone verheiratet und von der Schule abgemeldet. Ein Leben in Abhängigkeit und Chancenlosigkeit erwartet sie…“.

Frau Stolle erzählt auch von mutigen Mädchen, die es wagen, „Nein“ zu FGM – female genital mutilation- zu sagen. Sie können nicht mehr nach Hause. „…Im Schutzhaus wachsen sie unversehrt auf, dürfen weiter zur Schule gehen und spielen…“. „Mädchen müssen unversehrt aufwachsen können“, schreibt Stolle und ich stimme ihr 100% zu.

Ich habe auch heute für das Mädchenschutzhaus gespendet. Ich weiß es nicht, wieso ich das tue. Die tolle Rolle der weißen Beschützerin, die das alles gar nicht trifft? Die Hoffnung auf unversehrte Kindheit für „die Schwester im Geiste“? Ich weiß es nicht. Vielleicht möchte ich nicht, dass „die Frau gleich Schmerz“ bedeutet.